Community Solar und Gemeinschafts-PV: Solarstrom ohne eigenes Dach
Kein Dach, kein Balkon, kein Garten - aber trotzdem Solarstrom beziehen? In den USA ist Community Solar längst Mainstream: Du beteiligst dich an einer PV-Anlage irgendwo in deiner Region und bekommst dafür günstigen Strom oder eine Gutschrift auf deine Stromrechnung. In Deutschland steckt das Modell noch in den Kinderschuhen, aber mit Energy Sharing ab Juni 2026 und den EU-Erneuerbaren-Richtlinien bewegt sich endlich etwas. Hier erfährst du, was möglich ist und was bald möglich wird.
TL;DR
- Community Solar ermöglicht Solarstrom-Bezug ohne eigene Anlage: Du beteiligst dich an einer gemeinsamen PV-Anlage und bekommst Credits oder günstigen Strom.
- In den USA gibt es über 5 GW Community Solar mit Millionen Teilnehmern - Deutschland hinkt weit hinterher.
- Energy Sharing nach § 42c EnWG startet am 1. Juni 2026 und ist der erste rechtliche Rahmen für lokale Stromteilung in Deutschland.
- EU-Erneuerbaren-Richtlinie (RED II, Artikel 22) verpflichtet die Mitgliedstaaten, Erneuerbare-Energie-Gemeinschaften zu ermöglichen.
- Kurzfristig sind gut vorbereitete Pilotprojekte realistisch, für den Massenmarkt braucht es noch 2 bis 3 Jahre.
Was Community Solar ist
Community Solar (auf Deutsch: Gemeinschafts-PV oder Bürger-Solar) ist ein Modell, bei dem mehrere Teilnehmer gemeinsam eine PV-Anlage nutzen, ohne sie auf dem eigenen Gebäude zu haben. Die Anlage kann auf einem Gewerbegebäude, einer Freifläche, einem öffentlichen Gebäude oder dem Dach eines Nachbarhauses stehen.
Das Grundprinzip
Du kaufst oder mietest einen Anteil an der Anlage (z.B. 2 kWp von 100 kWp). Der von "deinem" Anteil erzeugte Strom wird auf deine Stromrechnung angerechnet - entweder als direkte Lieferung (virtuell über das Netz) oder als finanzielle Gutschrift.
In der einfachsten Form: Die Anlage erzeugt im Jahr 100.000 kWh. Dein 2-Prozent-Anteil entspricht 2.000 kWh. Diese 2.000 kWh werden mit deinem Verbrauch verrechnet. Du sparst den Preisunterschied zwischen dem Community-Solar-Tarif (z.B. 20 Cent/kWh) und deinem normalen Stromtarif (z.B. 35 Cent/kWh).
Varianten
Ownership-Modell: Du kaufst einen Anteil an der Anlage (Einmalinvestition). Die Erträge fließen über die gesamte Laufzeit.
Subscription-Modell: Du abonnierst einen bestimmten Anteil der Erzeugung (monatliche Gebühr). Flexibler, aber langfristig teurer.
Credit-Modell: Du bekommst keine physische Stromlieferung, sondern eine Gutschrift auf deine Stromrechnung in Höhe des anteiligen Ertrags.
Community Solar in den USA: Vorbild und Realität
In den USA ist Community Solar ein Milliardenmarkt. Über 5 GW installierte Leistung, Millionen von Teilnehmern, verfügbar in über 40 Bundesstaaten. Allein 2024 wurden 2,5 GW neu installiert.
Warum es in den USA funktioniert
Net Metering: In vielen US-Bundesstaaten werden Credits aus Community Solar 1:1 mit dem Stromverbrauch verrechnet. Wenn dein Anteil 100 kWh im Monat erzeugt, werden 100 kWh von deiner Rechnung abgezogen - zum vollen Retail-Preis.
Virtual Net Metering: Der Strom wird nicht physisch geliefert, sondern virtuell verrechnet. Die Anlage speist ins Netz ein, und dein Zähler wird um den anteiligen Betrag reduziert.
Einfache Regulierung: Community Solar braucht in vielen Staaten keine komplexe Energieversorger-Lizenz. Die Regulierung ist auf lokale Teilung zugeschnitten.
Warum es in den USA nicht 1:1 übertragbar ist
Das US-Modell basiert auf einer Netz-Infrastruktur und Regulierung, die sich von der europäischen fundamental unterscheidet. Netzentgelte, Steuern und Umlagen auf Strom sind in Europa deutlich komplexer, und die Quersubventionierung durch Net Metering ist in Deutschland politisch nicht gewollt.
Der europäische Weg: Erneuerbare-Energie-Gemeinschaften
Die EU hat mit der Erneuerbaren-Energien-Richtlinie (RED II, Artikel 22) einen Rahmen geschaffen, der die Mitgliedstaaten verpflichtet, Erneuerbare-Energie-Gemeinschaften (Renewable Energy Communities, REC) zu ermöglichen. Bürger, KMU und lokale Behörden sollen sich zusammenschließen können, um gemeinsam erneuerbare Energie zu erzeugen, zu speichern, zu verbrauchen und zu verkaufen.
Energy Sharing in Deutschland: § 42c EnWG
Am 22. Dezember 2025 hat der Bundestag den neuen § 42c ins Energiewirtschaftsgesetz (EnWG) eingefügt. Energy Sharing tritt am 1. Juni 2026 in Kraft.
Was es ermöglicht: Lokal erzeugter Solarstrom kann über das bestehende Stromnetz bilateral zwischen mehreren Teilnehmern geteilt werden - innerhalb desselben Verteilnetzgebiets.
Wer teilnehmen kann: Grundsätzlich alle - Erzeuger (PV-Betreiber) und Verbraucher (Mieter, Eigenheimbesitzer, Unternehmen) innerhalb des gleichen Netzgebiets.
Wie es funktioniert: Der Erzeuger und die Teilnehmer schließen einen Vertrag. Der Erzeuger speist ins Netz ein, die Teilnehmer beziehen anteilig. Die Verrechnung erfolgt viertelstündlich auf Basis von Smart-Meter-Daten. Netzentgelte fallen weiterhin an, aber ggf. reduziert (weil der Strom lokal verbleibt).
Was es kostet: Netzentgelte, Steuern und Abgaben fallen weiterhin an. Der Preis für den Community-Strom ist frei verhandelbar. Realistisch: 18 bis 25 Cent pro kWh inklusive aller Nebenkosten - immer noch unter dem regulären Haushaltstarif.
Smart Meter als Voraussetzung
Energy Sharing erfordert intelligente Messsysteme (Smart Meter) bei allen Teilnehmern. Nur so lässt sich die viertelstündliche Zuordnung von Erzeugung und Verbrauch ermöglichen.
Bis Juni 2026 sollen alle relevanten Zähler umgerüstet sein - ob die Messstellenbetreiber diesen Zeitplan halten, ist eine andere Frage. Der Smart-Meter-Rollout in Deutschland war bisher nicht gerade ein Musterbeispiel für Geschwindigkeit.
Zeitplan und Realismus
Ab Juni 2026 müssen Verteilnetzbetreiber Energy Sharing innerhalb ihres Bilanzierungsgebiets unterstützen. Ab Juni 2028 auch gebietsübergreifend.
Die dena (Deutsche Energie-Agentur) hat bereits einen Leitfaden zur Umsetzung von Energy Sharing Communities veröffentlicht. Die Empfehlung dort: Im Sommer 2026 werden nicht alle technischen Voraussetzungen von Seiten der Netzbetreiber und Abrechnungsdienstleister vollständig vorhanden sein. Kurzfristig lohnt sich Energy Sharing vor allem für gut vorbereitete Pilotprojekte.
Bestehende Modelle in Deutschland
Auch vor Energy Sharing gibt es in Deutschland bereits Modelle, die in die Richtung Community Solar gehen:
Gemeinschaftliche Gebäudeversorgung
Seit dem Solarpaket I (Mai 2024) können Bewohner eines Mehrfamilienhauses gemeinsam eine PV-Anlage nutzen, ohne dass der Betreiber Vollversorger-Pflichten erfüllen muss. Das ist das Modell, das am nächsten an Community Solar herankommt - allerdings begrenzt auf ein Gebäude.
Bürgerenergiegenossenschaften
Rund 1.100 Energiegenossenschaften in Deutschland investieren gemeinsam in PV-Anlagen. Die Mitglieder profitieren finanziell (Dividende), aber nicht direkt über günstigeren Strom. Mit Energy Sharing könnte sich das ändern: Genossenschaften könnten den erzeugten Strom direkt an ihre Mitglieder liefern.
Mieterstrom
Das EEG-Mieterstrommodell ermöglicht Solarstromlieferung innerhalb eines Gebäudes. Bürokratisch aufwendig, aber funktional. Rund 5.000 Anlagen in Betrieb.
Regionale Stromprojekte
Einige Energieversorger und Startups bieten regionale Stromprodukte an, bei denen Verbraucher gezielt Strom aus lokalen EE-Anlagen beziehen (z.B. Bürgerwerke, Naturstrom). Physisch ist das derselbe Strom aus dem Netz, aber bilanziell wird lokale Erzeugung zugeordnet.
Wie du Community Solar in deiner Nachbarschaft starten könntest
Wenn du Energy Sharing ab Juni 2026 nutzen oder initiieren willst, hier die Schritte:
Als Teilnehmer (Strombezieherin/Strombezieher)
Schritt 1: Informieren. Gibt es in deiner Nachbarschaft PV-Anlagen mit Überschuss? Frag Nachbarn mit Dachanlagen, lokale Energiegenossenschaften oder dein Stadtwerk.
Schritt 2: Smart Meter prüfen. Du brauchst ein intelligentes Messsystem. Wenn du noch einen Ferraris-Zähler hast, kontaktiere deinen Messstellenbetreiber wegen des Umstiegs. Ab 2025 haben alle Verbraucher mit über 6.000 kWh Jahresverbrauch Anspruch auf einen Smart Meter.
Schritt 3: Vertrag abschließen. Sobald Energy Sharing verfügbar ist, schließt du einen Vertrag mit dem Erzeuger - entweder direkt oder über einen Dienstleister.
Als Erzeuger (PV-Betreiber/PV-Betreiberin)
Schritt 1: Überschuss quantifizieren. Wie viel kWh pro Jahr speist du ins Netz ein? Das ist die Menge, die du potenziell über Energy Sharing verkaufen könntest.
Schritt 2: Teilnehmer finden. Sprich Nachbarn an, starte eine lokale Initiative, kontaktiere deine Energiegenossenschaft.
Schritt 3: Abrechnungsdienstleister wählen. Die Abrechnung ist technisch anspruchsvoll (viertelstündliche Zuordnung). Dienstleister wie metergrid, node.energy oder corrently werden voraussichtlich Energy-Sharing-Lösungen anbieten.
Schritt 4: Preismodell festlegen. Wie viel verlangst du pro kWh? Der Preis muss für dich attraktiver sein als die Einspeisevergütung (7,78 Cent) und für den Teilnehmer günstiger als der Normaltarif (30 bis 40 Cent). Ein fairer Korridor liegt bei 15 bis 25 Cent.
Die Zukunftsvision: Quartiere als Energiesysteme
Die langfristige Vision geht über einzelne Gebäude hinaus. Ganze Quartiere - Neubaugebiete, Dörfer, Stadtteile - werden zu lokalen Energiegemeinschaften, die ihren Strom weitgehend selbst erzeugen, speichern und teilen.
Ein typisches Quartier der Zukunft könnte so aussehen: PV auf jedem geeigneten Dach (10 bis 50 kWp), ein zentraler Batteriespeicher (100 bis 500 kWh), ein Nahwärmenetz mit Wärmepumpe, ein gemeinsamer Ladepark für E-Autos und eine digitale Plattform, die Erzeugung, Speicherung und Verbrauch in Echtzeit optimiert.
Die Teilnehmer bezahlen einen lokalen Stromtarif, der unter dem Netzbezug liegt, und die Überschüsse werden entweder ins übergeordnete Netz eingespeist oder in benachbarte Quartiere geteilt.
Was das alles mit deinem Balkonkraftwerk zu tun hat
Als Balkonkraftwerk-Besitzer bist du bereits dezentraler Erzeuger. Mit Energy Sharing könntest du theoretisch deinen Überschuss an den Nachbarn verkaufen. Praktisch wird das bei 800 Watt und den aktuellen Abrechnungskosten noch nicht wirtschaftlich sein - die Transaktionskosten pro kWh wären zu hoch.
Aber: Wenn die Infrastruktur für Energy Sharing steht (Smart Meter, Abrechnungsplattformen, Verteilnetz-Integration), wird sie auch für kleine Erzeuger immer zugänglicher. Und wenn du später eine Dachanlage installierst, ist Energy Sharing eine attraktive Möglichkeit, den Überschuss besser zu vermarkten als über die sinkende Einspeisevergütung.
Für Mieter ohne eigene PV ist Community Solar die Chance, trotzdem von günstigem Solarstrom zu profitieren. Nicht als Lippenbekenntnis mit einem grünen Strom-Label, sondern als echte lokale Versorgung mit physischem Solarstrom aus der Nachbarschaft.
Die Energiewende wird lokal. Dein Balkonkraftwerk ist der erste Schritt, Energy Sharing ist der nächste, und Community Solar ist das Ziel: Eine Welt, in der sauberer Strom aus der Nachbarschaft kommt und nicht aus einem anonymen Großkraftwerk hunderte Kilometer entfernt.