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Agri-PV und Dual-Use-Konzepte: Landwirtschaft und Solar vereint

Wie Agri-Photovoltaik Acker und Solarstrom auf derselben Fläche kombiniert: Systeme, Pilotprojekte, Erträge und 500 GW Potenzial für Deutschland.

    Agri-PV und Dual-Use-Konzepte: Landwirtschaft und Solar vereint

    Äcker für Nahrungsmittel oder für Solarstrom? Agri-Photovoltaik sagt: beides. Unter aufgeständerten Modulen wachsen Kartoffeln, zwischen vertikalen Reihen grasen Schafe, und auf Gewächshäusern erzeugen semitransparente Zellen Strom und Schatten gleichzeitig. Klingt nach Zukunftsmusik, ist aber längst Realität - mit einem Potenzial von 500 GW allein in Deutschland.

    TL;DR

    • Agri-PV kombiniert Landwirtschaft und Solarstromerzeugung auf derselben Fläche und entschärft den Flächenkonflikt zwischen Energiewende und Ernährung.
    • Fraunhofer ISE beziffert das Potenzial für Deutschland auf 500 GW - mehr als die gesamten PV-Ausbauziele bis 2040 (400 GW).
    • Drei Hauptsysteme: aufgeständerte Module (hoch genug für Traktoren), vertikale bifaziale Module und Gewächshaus-PV.
    • Erste Erfahrungen zeigen: Beschattung kann Erträge bei bestimmten Kulturen sogar steigern, bei anderen sinken sie um bis zu 20 Prozent.
    • Förderung läuft über EEG-Ausschreibungen und Forschungsprogramme, direkte Bauernförderung ist noch begrenzt.

    Was Agri-PV ist und warum sie gebraucht wird

    Die Energiewende braucht Fläche. Viel Fläche. Um die 400 GW PV zu erreichen, die Deutschland bis 2040 anpeilt, reichen Dächer, Balkone und Fassaden nicht aus. Freiflächen-PV auf Äckern ist eine Lösung, aber sie steht in direkter Konkurrenz zur Nahrungsmittelproduktion.

    Agri-Photovoltaik (Agri-PV oder APV) löst diesen Konflikt, indem sie beides auf derselben Fläche ermöglicht. Die PV-Module werden so installiert, dass darunter oder daneben weiterhin Landwirtschaft betrieben werden kann. Die Fläche wird doppelt genutzt - Dual Use.

    Das Konzept ist nicht neu. Erste Forschungsanlagen gab es schon in den 1980er Jahren in Japan. Aber erst seit etwa 2015 haben Pilotprojekte in Deutschland und Frankreich gezeigt, dass Agri-PV technisch ausgereift und wirtschaftlich tragfähig ist.

    Die Zahlen zum Potenzial

    Eine Studie des Fraunhofer ISE kommt zu einem beeindruckenden Ergebnis: Auf den am besten geeigneten Flächen könnten in Deutschland Agri-PV-Anlagen mit einer Gesamtleistung von 500 GW installiert werden. Das übersteigt das EEG-Ausbauziel von 400 GW für 2040.

    Rund 4,3 Millionen Hektar landwirtschaftliche Fläche sind besonders geeignet. Davon 400.000 Hektar auf Dauerkulturen (Obst, Wein, Beeren) mit hohem Synergiepotenzial und 3,9 Millionen Hektar auf Flächen mit geringer Nutzungskonkurrenz (geringe bis mittlere Bodengüte). Bayern und Niedersachsen haben das höchste Potenzial.

    In einem ambitionierten Szenario könnte das Gesamtpotenzial sogar bei 7.900 GW liegen - das Achtfache des Gesamtausbauziels. Natürlich wird davon nur ein Bruchteil realisiert, aber die Botschaft ist klar: Fläche ist kein Engpass.

    Die drei Hauptsysteme

    Agri-PV ist nicht gleich Agri-PV. Je nach Anwendung gibt es grundlegend verschiedene Systeme.

    System 1: Aufgeständerte Module (Overhead-APV)

    Die Module werden auf Gestellen in 4 bis 6 Metern Höhe montiert, so dass Traktoren und andere Landmaschinen problemlos darunter durchfahren können. Die Module sind oft lichtdurchlässig (Abstand zwischen den Zellen) oder nachführbar (Tracking), um die Beschattung am Boden zu steuern.

    Vorteile: Uneingeschränkte Bewirtschaftung mit Maschinen, steuerbare Beschattung, Schutz vor Hagel und Starkregen. Die Beschattung kann bei Hitze und Trockenheit sogar ertragssteigernd wirken.

    Nachteile: Hohe Gestelle sind teuer (Mehrkosten 30 bis 50 Prozent gegenüber Freiflächen-PV). Windlasten erfordern massive Fundamente. Höherer Planungsaufwand.

    Geeignet für: Obst (Äpfel, Beeren, Kirschen), Gemüse, Dauerkulturen. Besonders wertvoll bei Kulturen, die Schattigung vertragen oder sogar davon profitieren.

    System 2: Vertikale bifaziale Module

    Die Module stehen senkrecht auf der Fläche, in Reihen mit 8 bis 12 Metern Abstand. Bifaziale Module erzeugen auf beiden Seiten Strom - morgens die Ostseite, nachmittags die Westseite. Die Reihen verlaufen typischerweise in Nord-Süd-Richtung.

    Vorteile: Deutlich günstiger als Overhead-Systeme. Die Zwischenräume können voll bewirtschaftet werden. Gut geeignet für Grünland und Weidewirtschaft (Schafe grasen zwischen den Reihen). Geringere Beschattung als Overhead-Systeme.

    Nachteile: Weniger Ertrag pro Hektar als Overhead-APV. Die Module stehen am Boden und können bei der Feldarbeit im Weg sein.

    Geeignet für: Grünland, Weidewirtschaft, großflächige Ackerbaukulturen (Getreide, Mais), die wenig Handarbeit erfordern.

    System 3: Gewächshaus-PV

    PV-Module werden in das Dach von Gewächshäusern integriert. Semitransparente Module lassen genug Licht durch für Pflanzenwachstum, erzeugen aber gleichzeitig Strom. Manche Systeme nutzen organische PV-Folien, die bestimmte Wellenlängen durchlassen und andere absorbieren.

    Vorteile: Doppelnutzung der Dachfläche. Kontrollierte Lichtsteuerung. Schutz vor Witterung. Besonders interessant für Kulturen, die ohnehin unter Glas wachsen (Tomaten, Paprika, Kräuter).

    Nachteile: Teure Spezialmodule. Noch wenig standardisiert. Lichtreduktion kann bei lichtintensiven Kulturen zum Problem werden.

    Geeignet für: Hochwertige Gewächshauskulturen, die von kontrollierter Beschattung profitieren.

    Erfahrungen aus Pilotprojekten

    Fraunhofer ISE - SynAgri-PV

    Das Leitprojekt SynAgri-PV (2022 bis 2026, gefördert vom BMBF mit 1,7 Millionen Euro) untersucht unter Koordination von Fraunhofer ISE die technischen, rechtlichen, wirtschaftlichen und sozialen Rahmenbedingungen. Neun Partner aus Forschung, Praxis und Industrie arbeiten zusammen.

    Modellregion Agri-PV Baden-Württemberg

    Die "Modellregion Agri-Photovoltaik Baden-Württemberg" wird vom Land gefördert und befindet sich in der zweiten Phase (2025 bis 2026). Die Untersuchungen umfassen Grünland, Viehhaltung, Weinbau, Ackerbau und sogar Nadelgehölze.

    Pilotanlage Büren

    In der ersten Saison nach Fertigstellung der Anlage in Büren konnte der Ertrag der Beerenplantage um 20 Prozent gesteigert werden. Die Beschattung durch die Solarmodule hielt den Boden länger feucht, was in trockenen Sommern ein erheblicher Vorteil ist.

    Ertragseffekte bei verschiedenen Kulturen

    Die Erfahrungen zeigen ein differenziertes Bild:

    Positive Effekte (Ertragssteigerung): Beeren, Salat, Spinat und andere schattentolerante Kulturen profitieren von der Beschattung, besonders in heißen, trockenen Sommern. Weniger Verdunstung, weniger Hitzestress.

    Neutrale Effekte: Grünland und Weidewirtschaft zeigen kaum Ertragsunterschiede. Schafe grasen problemlos zwischen vertikalen Modulreihen.

    Negative Effekte (Ertragsrückgang): Bei lichtintensiven Kulturen wie Kartoffeln oder Weizen muss in durchschnittlichen Jahren mit Einbußen von bis zu 20 Prozent gerechnet werden. In Extremjahren (Dürre) kann die Beschattung die Einbußen aber wieder ausgleichen.

    Wirtschaftlichkeit und Förderung

    Stromerlöse

    Agri-PV-Anlagen können über das EEG gefördert werden. In den EEG-Ausschreibungen für Freiflächenanlagen sind spezielle Segmente für Agri-PV vorgesehen. Die Vergütung liegt aktuell bei 7 bis 9 Cent pro kWh.

    Landwirtschaftliche Erlöse

    Die landwirtschaftliche Nutzung bleibt bestehen - mit den oben beschriebenen Ertragseffekten. Für den Landwirt entsteht ein zweites Einkommen aus der Stromerzeugung, das die landwirtschaftlichen Schwankungen (Wetter, Marktpreise) ausgleicht.

    Pachtmodelle

    Die häufigste Konstellation: Ein Energieunternehmen pachtet die Fläche vom Landwirt, installiert die PV-Anlage und zahlt eine Pacht. Der Landwirt bewirtschaftet die Fläche weiterhin. Die Pacht liegt bei Agri-PV typischerweise bei 1.500 bis 3.000 Euro pro Hektar und Jahr - deutlich mehr als die landwirtschaftliche Pacht allein.

    Förderung

    Neben den EEG-Ausschreibungen gibt es Forschungsförderung (BMBF, Landesministerien) und zunehmend auch direkte Investitionsförderung. Die KfW bietet zinsgünstige Kredite für Agri-PV-Projekte. Einige Bundesländer haben eigene Programme.

    Was Agri-PV mit deinem Balkonkraftwerk zu tun hat

    Direkt: wenig. Agri-PV ist Großprojekt-Technologie, nicht DIY. Aber indirekt gibt es eine Verbindung.

    Agri-PV zeigt, dass der oft beschworene Flächenkonflikt zwischen Energiewende und Landwirtschaft lösbar ist. Wenn 500 GW auf landwirtschaftlichen Flächen möglich sind, ohne die Nahrungsmittelproduktion wesentlich einzuschränken, dann ist die Energiewende keine Bedrohung für die Landwirtschaft, sondern eine Ergänzung.

    Und wenn du Lebensmittel aus Agri-PV-Betrieben kaufst (was bald zunehmend der Fall sein wird), unterstützt du ein System, das gleichzeitig Nahrung und sauberen Strom produziert.

    Für Landwirte, die ein Balkonkraftwerk am Stall oder der Scheune haben, kann Agri-PV der logische nächste Schritt sein: von der Mini-PV am Gebäude zur Dual-Use-Anlage auf dem Acker. Die Technologie ist da, die Förderung wächst, und die Erfahrungen aus den Pilotprojekten sind ermutigend.

    Agri-PV ist mehr als ein Nischenthema. Es ist ein zentraler Baustein der Energiewende, der zeigt, dass Ökologie und Ökonomie kein Widerspruch sein müssen - sondern sich auf derselben Fläche ergänzen können.