Smarte Steuerung & Energiemanagement

Home Energy Management System (HEMS) Grundlagen: Lohnt sich das für dein Balkonkraftwerk?

Was ein HEMS ist, wie es Erzeugung, Verbrauch und Speicher koordiniert und ob sich die Investition für Balkonkraftwerk-Betreiber wirklich rechnet.

    Home Energy Management System (HEMS): Grundlagen für Balkonkraftwerk-Betreiber

    Du produzierst Strom auf dem Balkon, aber die Hälfte davon wandert ungenutzt ins Netz. Genau hier kommt ein Home Energy Management System ins Spiel - ein digitaler Dirigent, der Erzeugung, Verbrauch und Speicher in deinem Haushalt aufeinander abstimmt. Dieser Artikel erklärt dir, was hinter dem Kürzel HEMS steckt, welche Komponenten du brauchst und ob sich die Investition bei einem Balkonkraftwerk überhaupt lohnt.

    TL;DR

    • Ein HEMS koordiniert automatisch Stromerzeugung, Verbrauch und Speicher in deinem Haushalt
    • Realistische Einsparpotenziale liegen bei 10 bis 25 Prozent weniger Strombezug aus dem Netz
    • Die Kosten reichen von 0 Euro (Eigenbau mit Home Assistant) bis 3.500 Euro (Komplettsystem)
    • Für reine Balkonkraftwerk-Betreiber ohne Speicher ist ein vollwertiges HEMS oft überdimensioniert
    • Die smarte Steckdose plus einfache Automatisierung bringt dir 80 Prozent des Nutzens für 20 Prozent der Kosten

    Was genau ist ein HEMS?

    Stell dir einen Flughafen-Tower vor. Nicht den mit dem Kaffeeautomaten, sondern den, der entscheidet, welches Flugzeug wann landen und starten darf. Ein HEMS macht im Prinzip dasselbe mit deinem Strom: Es weiß, wann dein Balkonkraftwerk wie viel liefert, welche Geräte gerade Strom ziehen und ob ein Speicher geladen oder entladen werden sollte. Aus diesen Informationen leitet es Steuerungsentscheidungen ab - in Echtzeit, automatisch und idealerweise so, dass möglichst wenig Strom zugekauft werden muss.

    Der Begriff "Home Energy Management System" ist dabei ziemlich breit gefasst. Am unteren Ende steht eine smarte Steckdose, die bei Sonnenschein den Boiler einschaltet. Am oberen Ende ein System, das Wärmepumpe, Wallbox, Batteriespeicher und Haushaltsgeräte gleichzeitig orchestriert, Wettervorhersagen einbezieht und mit dynamischen Stromtarifen jongliert.

    Für Balkonkraftwerk-Betreiber liegt die Wahrheit irgendwo dazwischen. Du brauchst kein System für 3.000 Euro, das eine 15-kWp-Anlage verwaltet. Aber ein bisschen mehr Intelligenz als "Stecker rein und hoffen" kann sich durchaus lohnen.

    Die drei Säulen eines HEMS

    Jedes HEMS, egal ob simpel oder komplex, baut auf drei Grundfunktionen auf.

    Messen: Wissen, was passiert

    Ohne Daten kein Management. Ein HEMS braucht mindestens zwei Informationen: Wie viel Strom erzeugt dein Balkonkraftwerk gerade? Und wie viel Strom verbraucht dein Haushalt? Die Erzeugungsdaten liefert in der Regel der Mikrowechselrichter selbst - über die DTU (Data Transfer Unit) bei Hoymiles oder direkt per WLAN bei Deye und Co. Den Gesamtverbrauch misst du am besten am Zählerschrank, beispielsweise mit einem Shelly Pro 3EM, der alle drei Phasen in Echtzeit erfasst.

    Die Differenz aus beidem ist der entscheidende Wert: Ist sie positiv, beziehst du Strom aus dem Netz. Ist sie negativ, speist du ein. Ein gutes HEMS kennt diese Zahl sekundengenau.

    Entscheiden: Regeln und Algorithmen

    Mit den Messdaten allein passiert noch nichts. Erst die Logik dahinter macht ein HEMS zum HEMS. Die einfachste Variante: Wenn Einspeisung größer als 200 Watt, schalte den Boiler ein. Die komplexeste: Berücksichtige die Wettervorhersage für die nächsten sechs Stunden, den aktuellen Börsenstrompreis, den Ladezustand des Speichers, die voraussichtliche Ankunftszeit des E-Autos und den Warmwasserbedarf der Familie.

    Zwischen diesen Extremen gibt es viele Abstufungen. Für Balkonkraftwerk-Betreiber reichen in der Regel einfache Schwellwert-Regeln: Wenn mehr als X Watt Überschuss da ist, schalte Gerät Y ein. Wenn der Überschuss unter Z Watt fällt, schalte es wieder aus. Eine Hysterese von 50 bis 100 Watt verhindert dabei, dass das Gerät im Sekundentakt an- und ausgeht.

    Steuern: Geräte schalten

    Die dritte Säule ist die Aktuatorik - also die Fähigkeit, tatsächlich Geräte ein- und auszuschalten. Bei einem Balkonkraftwerk-Setup sind das typischerweise smarte Steckdosen (Shelly Plug S, Tasmota-Geräte, Fritz!DECT), die zwischen Steckdose und Verbraucher sitzen. Bei größeren Installationen kommen Hutschienen-Aktoren, SG-Ready-Schnittstellen für Wärmepumpen oder die dynamische Drosselung des Wechselrichters über OpenDTU hinzu.

    Die Architektur: Vom Sensor bis zur Steuerung

    Schauen wir uns an, wie die einzelnen Komponenten zusammenspielen. Ein typisches HEMS für ein Balkonkraftwerk besteht aus folgenden Bausteinen.

    Energiemessung am Zählerschrank

    Der Shelly Pro 3EM oder Shelly 3EM sitzt im Sicherungskasten und misst den Stromfluss auf allen drei Phasen. Er erfasst Leistung, Spannung, Strom und Energieverbrauch mit einer Genauigkeit von etwa einem Prozent. Die Daten überträgt er per WLAN, MQTT oder HTTP-API. Ein Elektriker muss ihn installieren, da er im Zählerschrank montiert wird - Kostenpunkt für die Installation: etwa 50 bis 100 Euro plus das Gerät selbst für rund 100 Euro.

    Alternativen sind IR-Leseköpfe am digitalen Stromzähler (ab 30 Euro, liefern allerdings nur den Gesamtverbrauch ohne Phasenauflösung) oder der Powerfox poweropti, der ebenfalls am Zähler sitzt.

    Wechselrichter-Daten

    Dein Mikrowechselrichter liefert Erzeugungsdaten. Bei Hoymiles läuft das über eine DTU - entweder die Original-DTU von Hoymiles oder die Open-Source-Varianten OpenDTU und AhoyDTU. Deye-Wechselrichter funken direkt per WLAN. APSystems bietet eine eigene ECU an. Die Daten umfassen mindestens die aktuelle Ausgangsleistung, oft auch Panel-Einzelleistungen, Temperaturen und Tageserträge.

    Die Zentrale

    Hier laufen alle Fäden zusammen. Die Zentrale sammelt die Messdaten, führt die Entscheidungslogik aus und sendet Steuerbefehle. Die gängigsten Optionen für Balkonkraftwerk-Betreiber sind:

    Home Assistant ist die beliebteste Open-Source-Lösung. Läuft auf einem Raspberry Pi, Mini-PC oder in einer virtuellen Maschine. Die Integration mit Shelly, OpenDTU und smarten Steckdosen ist ausgereift. Das Energy Dashboard visualisiert Erzeugung und Verbrauch. Automatisierungen lassen sich per Klick oder YAML definieren. Kosten: Die Software ist kostenlos, die Hardware (Raspberry Pi 4 oder 5) liegt bei 50 bis 100 Euro.

    OpenHAB ist die zweite große Open-Source-Plattform. Etwas technischer in der Einrichtung, dafür mit mächtigem Regelwerk. Für Nutzer, die gerne Java-nahe Konfiguration mögen.

    Kommerzielle Systeme wie der SMA Sunny Home Manager, das Fronius Smart Meter System oder der Solar-Log decken vor allem größere PV-Anlagen ab. Für ein 800-Watt-Balkonkraftwerk sind sie in der Regel überdimensioniert und zu teuer (500 bis 1.500 Euro).

    Cloud-basierte Dienste wie clever-PV bieten eine niedrigschwellige Alternative ohne eigene Hardware. Du verbindest deinen Shelly und deine smarten Steckdosen mit dem Dienst, der die Steuerungslogik in der Cloud ausführt. Vorteil: Kein Basteln nötig. Nachteil: Abhängigkeit von Internet und Anbieter.

    Schaltbare Verbraucher

    Am Ende der Kette stehen die Geräte, die gesteuert werden sollen. Typische Kandidaten bei einem Balkonkraftwerk-Setup: Warmwasserboiler (1.000 bis 2.000 Watt), Gefriertruhe (Intervallkühlung), Akkuladegeräte für E-Bike oder Werkzeug (200 bis 500 Watt) und - mit Einschränkungen - Waschmaschine und Geschirrspüler.

    Was bringt ein HEMS konkret?

    Jetzt wird es spannend: Zahlen. Ein typisches Balkonkraftwerk mit 800 Watt Einspeiseleistung und zwei 400-Watt-Modulen erzeugt in Deutschland je nach Standort und Ausrichtung zwischen 600 und 900 kWh pro Jahr. Ohne jede Optimierung liegt die Eigenverbrauchsquote eines Haushalts mit normalem Verbrauchsprofil bei etwa 30 bis 50 Prozent. Der Rest wandert ins Netz - bei 35 Cent pro kWh verschenkter Strom im Wert von 105 bis 210 Euro pro Jahr.

    Ein HEMS kann die Eigenverbrauchsquote je nach Setup auf 60 bis 80 Prozent heben. Das klingt nach viel, relativiert sich aber bei den absoluten Zahlen: Bei 800 kWh Jahresertrag und einer Steigerung der Eigenverbrauchsquote von 40 auf 70 Prozent nutzt du zusätzlich 240 kWh selbst. Bei 35 Cent pro kWh sind das 84 Euro im Jahr.

    Die Frage ist also: Lohnen sich Hardwarekosten von 150 bis 500 Euro (Shelly 3EM, smarte Steckdosen, ggf. Raspberry Pi) für 84 Euro Ersparnis pro Jahr? Die Antwort: Ja, wenn du ohnehin Spaß am Basteln hast und die Hardware für andere Zwecke mitnutzt. Nein, wenn du rein wirtschaftlich rechnest und einen Elektrikertermin für den Shelly 3EM brauchst.

    Realistisches Einsparpotenzial nach Setup

    Lass uns verschiedene Szenarien durchspielen.

    Szenario 1: Keine Optimierung. Du steckst das Balkonkraftwerk ein und nutzt, was gerade anfällt. Eigenverbrauchsquote: 30 bis 50 Prozent. Ersparnis pro Jahr: 70 bis 160 Euro.

    Szenario 2: Manuelle Optimierung. Du startest Waschmaschine und Geschirrspüler bewusst mittags, wenn die Sonne scheint. Eigenverbrauchsquote: 45 bis 60 Prozent. Zusätzliche Ersparnis: 30 bis 50 Euro.

    Szenario 3: Einfache Automatisierung. Ein Shelly 3EM misst den Netzbezug, eine smarte Steckdose schaltet den Warmwasserboiler bei Überschuss ein. Eigenverbrauchsquote: 55 bis 70 Prozent. Zusätzliche Ersparnis: 50 bis 80 Euro. Hardware-Invest: 150 bis 250 Euro.

    Szenario 4: Vollständiges HEMS. Home Assistant auf Raspberry Pi, Shelly 3EM, mehrere smarte Steckdosen, OpenDTU, Wetterprognose-Integration, Überschusssteuerung mit Hysterese. Eigenverbrauchsquote: 65 bis 80 Prozent. Zusätzliche Ersparnis: 70 bis 120 Euro. Hardware-Invest: 250 bis 500 Euro.

    Der Sprung von Szenario 3 zu 4 bringt also nur noch 20 bis 40 Euro mehr pro Jahr - aber deutlich mehr Komplexität. Für die meisten Balkonkraftwerk-Betreiber ist Szenario 3 der Sweet Spot.

    HEMS-Lösungen im Überblick

    Der Markt für Energiemanagementsysteme ist 2025/2026 unübersichtlich geworden. Hier eine Einordnung der relevantesten Optionen für Balkonkraftwerk-Betreiber.

    DIY mit Home Assistant

    Home Assistant hat sich als de-facto-Standard für technisch versierte Nutzer etabliert. Die Integration mit Balkonkraftwerk-Komponenten ist hervorragend: Shelly-Geräte werden automatisch erkannt, OpenDTU kommuniziert über MQTT, das Energy Dashboard zeigt Erzeugung und Verbrauch in hübschen Grafiken. Die Lernkurve ist steil, aber die Community ist riesig und fast jedes Problem wurde schon mal gelöst.

    Was du brauchst: Einen Raspberry Pi 4 oder 5 (oder einen alten Mini-PC), einen Shelly 3EM im Zählerschrank und eine oder mehrere smarte Steckdosen. Gesamtkosten: 200 bis 350 Euro plus Elektrikerkosten für den Shelly. Zeitaufwand für die Einrichtung: Ein bis zwei Wochenenden, wenn du zum ersten Mal mit Home Assistant arbeitest.

    DIY mit OpenHAB

    OpenHAB ist die zweite große Open-Source-Plattform. Die Stärke liegt in der regelbasierten Automatisierung und der langen Geräteverfügbarkeit. Für Balkonkraftwerke gibt es weniger vorgefertigte Integrationen als bei Home Assistant, aber die Flexibilität ist mindestens gleichwertig. Der Einstieg ist technischer - Xtend-Rules, Sitemaps und Items erfordern mehr Einarbeitungszeit.

    Cloud-Dienste: clever-PV und Co.

    Wer keine Lust auf Selbsthosting hat, findet in clever-PV eine unkomplizierte Alternative. Du verbindest den Dienst mit deinem Shelly und deinen smarten Steckdosen, definierst Regeln und der Cloud-Server übernimmt die Steuerung. Die Einrichtung dauert eine halbe Stunde, die Grundfunktionen sind kostenlos. Nachteil: Ohne Internet funktioniert nichts, und du bist vom Fortbestand des Dienstes abhängig.

    Herstellerlösungen mit HEMS-Funktion

    Einige Speicherhersteller bieten inzwischen integrierte HEMS-Funktionen an. Zendure, Anker und EcoFlow haben ihre Balkonkraftwerk-Speicher um Energiemanagement-Features erweitert, die den Überschuss automatisch in den Speicher lenken und bei Bedarf wieder abgeben. Das ist komfortabel, bindet dich aber an das Ökosystem des Herstellers. Die Kosten liegen bei 800 bis 1.500 Euro für Speicher plus HEMS-Funktion.

    Wann ein HEMS sich lohnt - und wann nicht

    Lass uns ehrlich sein: Ein vollwertiges HEMS für ein 800-Watt-Balkonkraftwerk ist wie eine Lenkradheizung am Fahrrad - technisch möglich, aber der Aufwand steht in keinem Verhältnis zum Nutzen. Zumindest rein wirtschaftlich betrachtet.

    Es lohnt sich, wenn...

    Du bereits ein Smart Home betreibst und Home Assistant oder OpenHAB laufen hast. Dann ist die Erweiterung um Energiemanagement ein Nachmittagsprojekt. Oder wenn du planst, dein Setup zu erweitern - Speicher nachrüsten, größere PV-Anlage aufs Dach, Wallbox installieren. Dann legst du jetzt das Fundament.

    Auch bei hohem Grundverbrauch (über 4.000 kWh pro Jahr) und passendem Verbrauchsprofil (viel tagsüber) steigen die absoluten Einsparungen so weit, dass sich die Investition innerhalb von zwei bis drei Jahren rechnet.

    Es lohnt sich eher nicht, wenn...

    Du kein Smart Home hast und auch keins willst. Der Aufwand für die Ersteinrichtung ist nicht trivial, und für 50 bis 80 Euro Jahresersparnis lohnt der Einstieg in Home Assistant allein wegen des Balkonkraftwerks nicht. Dann ist die manuelle Optimierung (bewusst mittags Waschmaschine laufen lassen) die bessere Strategie.

    Die Zukunft: HEMS wird Standard

    Ein Blick nach vorne: Ab 2025 sinken die Schwellen für den Pflichteinbau intelligenter Messsysteme (Smart Meter). Mehr Haushalte bekommen Zugang zu Echtzeit-Verbrauchsdaten. Gleichzeitig sind dynamische Stromtarife von Tibber und aWATTar seit 2025 bei jedem Anbieter verfügbar. Und KI-basierte Prognosemodelle werden zunehmend in Consumer-Produkte integriert.

    Das bedeutet: Die Infrastruktur für ein HEMS wird günstiger und einfacher. Was heute noch Bastelprojekt ist, wird in zwei bis drei Jahren zur Standardfunktion von Wechselrichtern und Speichern. Für Early Adopter ist jetzt der richtige Zeitpunkt, das System aufzubauen und Erfahrungen zu sammeln. Für alle anderen gilt: Die manuelle Optimierung bringt schon viel, und die automatische Variante wird bald deutlich zugänglicher.

    Typische HEMS-Szenarien im Tagesverlauf

    Damit das Ganze greifbar wird, gehen wir mal einen typischen Sommertag durch - mit einem Balkonkraftwerk und einem einfachen HEMS auf Home-Assistant-Basis.

    7:00 Uhr - Der Tag beginnt

    Die Sonne steht noch niedrig, dein Balkonkraftwerk liefert 120 Watt. Der Haushalt verbraucht 300 Watt (Kühlschrank, Router, Standby). Das HEMS sieht: 180 Watt Netzbezug. Keine Aktion - zu wenig Solarstrom für eine Steuerungsmaßnahme.

    9:30 Uhr - Die Produktion steigt

    Dein Balkonkraftwerk läuft auf 450 Watt hoch. Der Haushalt verbraucht immer noch 250 Watt Grundlast. Das HEMS erkennt: 200 Watt Überschuss. Es schaltet das E-Bike-Ladegerät ein (220 Watt). Der Überschuss wird aufgefangen, fast kein Strom geht ins Netz.

    11:00 Uhr - Volle Leistung

    Die Sonne steht günstig, das Balkonkraftwerk liefert 720 Watt. Das E-Bike-Ladegerät ist fertig (Akku voll, Plug misst 0 Watt). Es gibt wieder 470 Watt Überschuss. Das HEMS schaltet den Warmwasserboiler ein (1.500 Watt). Jetzt beziehst du 780 Watt aus dem Netz (250 Grundlast plus 1.500 Boiler minus 720 Solar minus 250 bereits gedeckt). Aber: Ohne HEMS würdest du die 720 Watt ins Netz verschenken und den Boiler abends komplett mit 1.500 Watt Netzstrom betreiben. Das HEMS spart dir 720 Watt mal 1 Stunde gleich 0,72 kWh gleich 25 Cent.

    13:00 Uhr - Der Boiler ist fertig

    Das Thermostat im Boiler schaltet bei 60 Grad ab. Der Shelly Plug misst den Leistungsabfall und meldet dem HEMS: Boiler ist fertig. Die Erzeugung liegt bei 650 Watt, der Verbrauch bei 200 Watt. 450 Watt Überschuss. Das HEMS schaltet die Akkustation ein (180 Watt) und die Gefriertruhe (Intensivkühlung, 120 Watt). Restlicher Überschuss: 150 Watt. Nicht genug für einen weiteren Verbraucher, aber auch nicht dramatisch - 150 Watt ins Netz bei 35 Cent sind 5,25 Cent pro Stunde.

    16:00 Uhr - Der Nachmittag klingt ab

    Die Erzeugung sinkt auf 300 Watt. Das HEMS schaltet nacheinander die Gefriertruhe und die Akkustation ab. Der Rest deckt die Grundlast. Abends kommt der Strom wieder aus dem Netz.

    Was hat der Tag gebracht?

    Ohne HEMS: Ca. 3,5 kWh erzeugt, 1,5 kWh selbst verbraucht (Grundlast-Überlappung), 2 kWh eingespeist. Ersparnis: 0,53 Euro.

    Mit HEMS: Ca. 3,5 kWh erzeugt, 2,8 kWh selbst verbraucht (Boiler, E-Bike, Gefriertruhe), 0,7 kWh eingespeist. Ersparnis: 0,98 Euro.

    Mehrsparnis durch HEMS: 0,45 Euro an diesem einen Tag. Über 180 Sonnentage: 81 Euro. Das ist der reale Wert eines HEMS für dein Balkonkraftwerk.

    Die HEMS-Kosten im Detail

    Damit du eine fundierte Entscheidung treffen kannst, hier die vollständige Kostenkalkulation für verschiedene HEMS-Varianten.

    Minimal-Setup (Timer-basiert)

    • Mechanische Zeitschaltuhr: 3-5 Euro
    • Smarte Steckdose (Shelly Plug S Gen3): 22 Euro
    • Gesamtkosten: 3-27 Euro
    • Jährliche Mehrsparnis: 25-50 Euro
    • Amortisation: Sofort bis 6 Monate

    Basis-Setup (Überschusssteuerung)

    • Shelly Pro 3EM: 100-120 Euro
    • Elektrikerkosten Installation: 50-100 Euro
    • Smarte Steckdose (Shelly Plug S): 22 Euro
    • Gesamtkosten: 172-242 Euro
    • Jährliche Mehrsparnis: 50-80 Euro
    • Amortisation: 2-4 Jahre

    Standard-Setup (Home Assistant)

    • Raspberry Pi 4/5 (4 GB): 55-80 Euro
    • microSD-Karte / USB-SSD: 15-30 Euro
    • Shelly Pro 3EM: 100-120 Euro
    • Elektrikerkosten: 50-100 Euro
    • OpenDTU-Board: 15-25 Euro
    • Smarte Steckdosen (3x Shelly Plug S): 66 Euro
    • Gesamtkosten: 301-421 Euro
    • Jährliche Mehrsparnis: 70-120 Euro
    • Amortisation: 3-5 Jahre

    Premium-Setup (Hersteller-HEMS mit Speicher)

    • Speichersystem mit HEMS (z.B. Zendure Solarflow, Anker Solarbank): 800-1.500 Euro
    • Shelly Pro 3EM (oft empfohlen): 100-120 Euro
    • Elektrikerkosten: 50-100 Euro
    • Gesamtkosten: 950-1.720 Euro
    • Jährliche Mehrsparnis: 150-250 Euro (inkl. Speichereffekt)
    • Amortisation: 4-8 Jahre

    Die ehrliche Einordnung: Für ein reines Balkonkraftwerk ohne Speicher liegt der wirtschaftliche Sweet Spot beim Basis- oder Standard-Setup. Das Premium-Setup rechnet sich erst, wenn du den Speicher auch abends und nachts nutzt - dann wird die Amortisation interessanter, weil du nicht nur den Mittagsüberschuss, sondern auch die Abend- und Nachtstunden optimierst.

    HEMS und Datenschutz

    Ein Thema, das oft untergeht: Dein HEMS sammelt detaillierte Daten über dein Verbrauchsverhalten. Es weiß, wann du duschst (Boiler an), wann du wäschst, wann du kochst und wann du schläfst. Das ist für die Steuerung nötig, aber es lohnt sich, über den Datenschutz nachzudenken.

    Lokale Lösung vs. Cloud

    Home Assistant und OpenHAB laufen lokal - die Daten verlassen dein Haus nicht. Kein Server in China, kein Anbieter, der dein Verbrauchsprofil monetarisiert. Das ist ein starkes Argument für die DIY-Lösung.

    Cloud-basierte HEMS-Dienste (clever-PV, Hersteller-Apps von Zendure, Anker, EcoFlow) senden Daten an externe Server. Die Datenschutzerklärungen variieren - manche Anbieter anonymisieren die Daten, manche nutzen sie für Produktverbesserung, manche verkaufen aggregierte Daten. Lies die Datenschutzerklärung, bevor du dich bindest.

    Shelly-Geräte bieten die Wahl: Du kannst sie komplett lokal betreiben (Cloud-Zugang in den Einstellungen deaktivieren) oder die Shelly-Cloud für Fernzugriff nutzen. Für die Überschusssteuerung brauchst du die Cloud nicht.

    Praktischer Tipp

    Wenn du ein HEMS aufsetzt, erstelle für die Smart-Home-Geräte ein separates WLAN (Gäste-WLAN oder IoT-VLAN). So trennt du die Smart-Home-Geräte vom restlichen Netzwerk und verhinderst, dass ein kompromittiertes Gerät auf deinen PC oder deine NAS zugreift. Die meisten modernen Router unterstützen mehrere WLAN-Netze.

    Der pragmatische Einstieg

    Du willst nicht gleich das volle Programm, aber auch nicht bei null stehen? Dann fang mit einem Shelly 3EM im Zählerschrank an. Damit siehst du in Echtzeit, wann du Strom beziehst und wann du einspeist. Allein dieses Wissen verändert dein Verhalten - du wirst automatisch anfangen, Verbraucher in die Sonnenstunden zu schieben.

    Im zweiten Schritt kommt eine smarte Steckdose dazu, die den Warmwasserboiler oder einen anderen gut steuerbaren Verbraucher bei Überschuss einschaltet. Und wenn du merkst, dass dir das Spaß macht, installierst du Home Assistant und baust dir Schritt für Schritt dein eigenes HEMS auf.

    Die teure Komplettlösung vom Hersteller kannst du dir dann immer noch anschauen. Aber oft stellt sich heraus, dass die DIY-Variante mit Home Assistant nicht nur günstiger, sondern auch flexibler ist - und du dabei eine Menge über deinen Stromverbrauch lernst, was am Ende mehr wert ist als jede Automatisierung.